Der Weber

Schon als zwölfjähriger begann Kader Nahib* in Afghanistan zu arbeiten. Die Hälfte des Tages verbrachte er in der Schule. Danach webte er gemeinsam mit seinem Vater zu Hause, wo ein Webstuhl im Zimmer stand. Sie fertigten vor allem Stoffe für Turbane und traditionelle Hochzeitshandtücher aus Seide an. Diese setzten sie dann über Ladenbesitzer oder Marktfahrer ab.Ab der elften Klasse konnte er zudem bei einer privaten, von der europäische Union geförderten, Schule Englisch lernen und Computerkurse besuchen, was er dreieinhalb Jahre lang tat. Die staatliche Schule brach er in der zwölften Klasse ab. «Es war langweilig unter dem Talibanregime in die Schule zu gehen», sagt er. «Sie haben immer reklamiert, dass ich keinen Bart trage und es wurde sowieso vor allem Religion unterrichtet.»

*Der Name wurde auf Wunsch und aufgrund der schwierigen Situation geändert.

 

Der Dolmetscher

Nach dem Ende des Talibanregimes 2002 begann er für internationale Hilfsorganisationen zu arbeiten. Anfänglich arbeitete er dabei weiterhin mit seinem Vater als Weber. Die erste Anstellung fand er als Dolmetscher für eine italienische Organisation, die von der UNHCR unterstützt wurde. Mit dem International Medical Corps, das von der U.S.A. unterstützt wurde half er bei der Zustellung von Medikamenten an Kliniken und bei Strasse- und Brückenbauprojekten.

Der Organisator

Bei der deutschen Organisation Help from Germany hatte er dann verschiedene Aufgabengebiete. Neben der Übersetzungstätigkeit übernahm er vermehrt organisatorische Aufgaben und war insbesondere in der Logistik tätig. Dafür reiste er auch viel herum. «Ich musste dahin, wo die Hilfe gebraucht wurde», sagt er. Er betreute verschiedene Projekte für den Bau von Schulen, Kliniken und Strassen. Es sei zum Teil auch gefährlich gewesen. «Bei einem Brückenbau zwischen zwei Bezirken wurden wir zweimal von den Taliban angegriffen und ich musste das Militär rufen.»

Dieses Gebiet mussten sie aufgrund des Sicherheitsproblems später verlassen. Aber an anderen Orten arbeiteten sie weiter. So errichteten sie beispielsweise ein Wasser- und Kanalisationssystem oder bauten eine Berufsschule auf. Diese war als Reintegrationsmassnahme für Waisen gedacht. Etwa 600 Schüler konnten dort praktische Erfahrung sammeln und erhielten nach einem erfolgreichen Abschluss das Handwerkzeug, um arbeiten zu können. So graduierten unter ihm Sanitäre, Mechaniker, Schreiner, Schneiderinnen u.s.w.

 

Unterdessen war er der Leiter von Help from Germany für die ganze Provinz Fraw. Die Sicherheitslage blieb jedoch akut. So musste er teilweise mit Militärbegleitung zu Projekten fahren. So waren auch nur Afghanen vor Ort. Bei anderen Organisationen hatte es bereits Entführungen und Tötungen gegeben. Auch sein Chef, der deutsche beratende Ingenieur Dieter Robling, wurde nach drei Jahren in Afghanistan am 8. März 2007 getötet.

Auch er hatte Angst – flüchten jedoch musste er aus einem anderen Grund. Zu gerne tat er die Arbeit, dass er deswegen Afghanistan verlassen hätte.

 

 

Der Flüchtling

Er hatte noch einen Arbeitsvertrag bis 2008 aber musste die Flucht früher antreten. Trotz Reisepass wurde es eine lange Reise. In der Schweiz angekommen ist er 2009. Ob er aber bleiben kann ist ungewiss. Über Pakistan und den Iran (legal mit einem Reisepass) kam er ohne Visa in die Türkei. Mit einem kleinen Boot setzte er nach Griechenland über. Dort gibt es jedoch kein Asylsystem, so dass er in Parks und Häfen schlafen musste, kaum zu essen hatte und seine Kleider nicht waschen konnte. 

Als er wieder einmal Kontakt mit Behörden hatte übergaben ihm Polizisten eine Kopie, die in kyrillischer Schrift und in griechischer verfasst war. Er musste auf der Strasse Passanten um eine Übersetzung bitten: Es war eine Ausweisungsverfügung. Nochmals via Türkei kam er dann in die Schweiz.

 

Der Unwillkommene

Am 23. Juni 2009 erhielt er dann einen Brief aus Bern. Seine Fingerabdrücke waren bereits in Griechenland registriert worden. Aufgrund des Schengen-Abkommens sollte er nach Griechenland ausgeschafft werden. Er erhob Beschwerde. Denn für ihn ist klar, dass Griechenland keine Option ist und er nicht nach Afghanistan zurück kann. Seit dann lebe er in Sorge. «Jeden Tag frage ich mich: Was passiert morgen? Jede Nach habe ich Angst, dass schon am nächsten Tag ein negativer Entscheid kommen könne. Sechs Monate war ich voller Hoffnung, danach verwirrt und jetzt weiss ich einfach nicht, was ich tun soll.»

Ich werde verrückt

«Die eineinhalb Jahre in der Schweiz sind die ersten in meinem Leben in denen ich nicht arbeiten konnte. » Arbeit sei einfach eine wichtige Sache für einen Menschen. Ohne Arbeit gehe man ein. «Im Moment kann ich nicht an meine Zukunft denken, da ich nicht einmal weiss was morgen geschieht. Aber: Langsam werde ich vom Warten verrückt.»